„Neuropathische Schmerzen ernst nehmen“ – Versorgungslücken für Polyneuropathie-Patienten

Am 28. Jänner 2026 hat die Österreichische Schmerzgesellschaft (ÖSG) in Wien im Rahmen der diesjährigen „Schmerzwochen“ eine Pressekonferenz zum Thema neuropathische Schmerzen abgehalten und den Fokus auf eine oft unterschätzte Patienten-Gruppe gelegt: Menschen mit Polyneuropathie. Neuropathische Schmerzen – jene Schmerzen, die durch Schädigungen oder Fehlfunktionen des Nervensystems entstehen – zeigen sich meist als brennende, einschießende oder elektrische Schmerzen und stellen Patienten, Angehörige und das Gesundheitssystem vor große Herausforderungen. 

Polyneuropathie ist eine häufige Ursache für neuropathische Schmerzen, etwa bei Diabetikern oder nach toxischen Nervenschädigungen. Die Schmerzen sind chronisch, beeinträchtigen den Alltag massiv und lassen sich oft nur schwer therapieren. Betroffene berichten von Schlafstörungen, Bewegungseinschränkungen und stark verminderter Lebensqualität – Symptome, die weit über reine körperliche Beschwerden hinausgehen. 

Univ.-Prof. Dr. Richard Crevenna, Präsident der ÖSG und Referent auf unserem Polyneuropathie-Informationstag im Oktober 2025, brachte bei der Pressekonferenz auf den Punkt, worauf es in der Schmerzmedizin ankommt: „Wir müssen neuropathische Schmerzen als eigenständiges Krankheitsbild erkennen und die Versorgung dringend verbessern.“ Trotz vorhandener diagnostischer Leitlinien und moderner Therapieansätze bestehe weiterhin eine große Lücke zwischen Empfehlung und Praxis. 

Crevenna betonte, dass die Versorgung von Menschen mit Polyneuropathie oft unzureichend koordiniert sei. Häufig dauere es Jahre, bis eine exakte Diagnose gestellt und eine passende Therapie eingeleitet werde. „Patienten berichten, dass sie von Arzt zu Arzt geschickt werden, ohne dass ein klares Konzept erarbeitet wird. Das muss sich ändern“, sagte Crevenna. 

Zudem stellte die ÖSG klar, dass neuropathische Schmerzen nicht mit klassischen Schmerzen vergleichbar seien: Sie beruhten auf Fehlfunktionen des peripheren oder zentralen Nervensystems, weshalb Standard-Schmerzmittel oft ineffektiv sind und gezieltere, multimodale Behandlungsansätze notwendig machen. Die Experten fordern daher eine interdisziplinäre Versorgung, die Neurologie, Schmerzmedizin, Reha-Therapie und psychosoziale Unterstützungsangebote verbindlich zusammenführt. 

Ein weiterer Kritikpunkt war die teils unzureichende Fortbildung von Ärzten – gerade im Erkennen und Behandeln neuropathischer Schmerzen. Die ÖSG fordert mehr Fortbildungsangebote und eine breitere Implementierung evidenzbasierter Verfahren. Für Menschen mit Polyneuropathie, so die Gesellschaft, sei eine frühzeitige, individuell abgestimmte Therapie entscheidend, um Schmerzchronifizierung, psychische Begleiterkrankungen und funktionelle Beeinträchtigungen zu vermeiden. 

Abschließend mahnte Crevenna: „Chronische Schmerzen sind kein Schicksal, sondern eine medizinische Aufgabe mit lösbaren Herausforderungen.“ Die Pressekonferenz sollte ein deutliches Signal an Politik und Gesundheitsversorgung senden, neuropathische Schmerzen – insbesondere bei Polyneuropathie – nicht länger zu vernachlässigen.

(c) APA, Ludwig Schedl
Vlnr: Prim Univ.-Prof Dr. Rudolf Likar (Generalsekretär), Univ.-Prof. Dr. Richard Crevenna (Präsident), OÄ Dr. Waltraud Stromer (Vizepräsidentin) , AO Univ.-Prof Dr. Wilhelm Eisner (Past-Präsident)

(c) APA, Ludwig Schedl

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